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08.12.2011

Kirschlikör (Teil 1)

Diese Geschichte ist vielleicht eher für die älteren Leser. Was nicht heissen soll, dass die anderen nicht hineinschauden dürfen.



Als der Sarg hinausgetragen wurde, standen sie alle da. Einige Gesichter hatte ich noch nie
gesehen, andere waren wage bekannt. Wie in einem Film; man wusste, dass man einen
Schauspieler bereits gesehen hatte, aber in welcher Rolle?

Vor Jahren hatte mich diese Anonymität fast umgebracht. Drei Wohnblocks mit je sechzehn
Vierzimmerwohnungen, Rasen- und Spielplatz, Partyräume im Keller, Parkplatz garantiert.

Ich war nach Walters Tod hierher gezogen. Unser Häuschen war mir plötzlich fremd erschienen, zu vollgestopft mit Erinnerungen und sowieso zu gross für mich allein. Unsere Tochter lebte in Neuseeland und besuchte mich etwa ein Mal im Jahr. Ohne Walter hielt mich nichts mehr.


Der Spielplatz und die Partyräume hatten es mir bei der Besichtigung angetan. Es war an
einem Dienstagvormittag gewesen. Ich erinnere mich. Die Stille fiel mir nicht weiter auf. Die
anderen Mieter würden bei der Arbeit, die Kinder in der Schule sein. Von meinem Balkon
konnte ich den Spielplatz überblicken. Ich stellte mir vor, wie ich ein Tischchen und Stühle
hinuntertragen und mit den Müttern Kaffee trinken würde, während die Kinder
herumtollten.

Ich sass tatsächlich oft dort auf der Bank. Manchmal sprach ich mit Walter, aber meistens
starrte ich einfach auf die Gänseblümchen. Es gab nur wenige Kinder in der Überbauung. In
manchen Wohnungen konnte man den ganzen Tag Fernseher flackern sehen, bisweilen
schon morgens um sechs. Ab und zu, bei ganz schönem Wetter, spielten die Kinder auf dem
Balkon. Anfangs hatte ich versucht, sie hinunterzulocken. Aber sie hatten bloss durch die
Brüstung zu mir heruntergeschaut, wie Äffchen im Zoo durch die Gitter, und getuschelt.

Eines Tages sass ich wieder auf meiner Bank, vermisste Walter und muss wohl geweint
haben, als plötzlich eine Stimme neben mir sagte:

"Kirschlikör."

Ich sah auf. Eine Dame im selben Alter sass neben mir. Zuerst konnte ich nur ihr Profil
sehen, denn sie fixierte die Waschküchentür vis-à-vis. Bolzengerade Haltung, die Haare
streng in einen Knoten gebunden, die altmodische Handtasche auf ihren Knien. Zugegeben,
zuerst hielt ich sie für verrückt. Trotzdem trocknete ich meine Tränen.
(Fortsetzung folgt)

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